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Bestsellerautorin Judith Hermann zu Gast – eine Lesung als Gespräch

Sie ist Ikone des Ungesagten, Meistern des Schwebezustands, als Schriftstellerin mehrfach preisgekrönt und kanonisiert, ihre Texte sind in Schulbüchern abgedruckt: Gleich nachdem die 1970 in Berlin geborene Judith Hermann morgens das Schulhaus betritt, schießt sie ein Smartphoto von den leeren Stuhlreihen in der Aula, die für ihre Zuhörer, die Schüler von der 8. – 12. Klasse, bereitgestellt sind. „Das finde ich schön“, sagt sie irgendwie entschuldigend, zugleich aber auch so, als könne ihr im Moment nichts Besseres passieren. Eindeutig ist sie auf Dialog gepolt. So wird sie lediglich eine Kurzgeschichte aus ihrem eine Millionen Mal verkauften Bestseller „Sommerhaus, später“ (1998) vorlesen, die gleichnamige. Denn Publikum und Autorin haben vor allem Redebedarf: Sowohl im Eingangsgespräch mit Marie Holzapfel, Kira Mainusch und Antonia Wimmer als auch auch in der Fragerunde nach der Lesung antwortet die Autorin unverblümt auf alle Fragen: Dieses nachgestellte „später“ im Titel drückt aus, dass alle Figuren Abwartende sind, Dahintreibende, ziellos und richtungslos. Zugleich ereignet sich, allerdings nahezu unbemerkt, Bedeutungsvolles, während sich sämtliche Entscheidungen auf irgendwann verschieben, auf später eben. Allen Personen haftet eine entscheidende Unfähigkeit zu Planung, Bindung und Kommunikation an. Dies zeigt sich zudem an den abrupten Anfängen sowie den offenen Enden ihrer Kurzgeschichten, ebenso wie in der bewusst bescheidenen Sprache, die sich durch stetige Wiederholung in der Wortwahl abbildet. Unterhaltungen werden konsequent vom Redebegleitsatz „sagte er/sagte sie“ durchzogen, was auch ein Schüler kritisch als „langweilig“ und einer Erfolgsautorin unwürdig kommentiert. Die Antwort Judith Hermanns ist bestechend einfach: „Ich schreibe ja nicht wie ihr Erlebniserzählungen mit Spannungshöhepunkt, bei denen ich Gefühle zum Ausdruck bringen will. Schreiben bedeutet für mich, gegen meine eigene Sentimentalität anschreiben. Meine Figuren sind distanziert im Umgang miteinander und voller Sehnsucht zugleich, und diese narrative Leerstelle, die ein lakonisches „sagte“ erzeugt, das Ungesagte, Nichtgeklärte, das könnt ihr als Leser für euch selbst mit eurer eigenen Imaginationsfähigkeit füllen." Lesen ist für sie eine kognitive Grenzüberschreitung. Dazu gehören auch Musik, girl meets boy und Drogenkonsum in ihren Geschichten – das macht ihn insgesamt aus, diesen Sound einer eigenen Generation. Woher sie ihre Einfälle hat? „Der Anfang ist immer ein Satz, den jemand sagt, eine kurze Situation. Schreiben muss autobiografisch sein, ich könnte nicht über etwas schreiben, von dem ich nichts weiß“, sagte sie. Unprätentiös wie ihr Schreibstil.

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